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Buchempfehlung: Sparprogramme töten – Die Ökonomisierung der Gesundheit

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Die Begriffe Sparprogramme und Rettungspakete können wir seit 2008 fast täglich lesen und hören. Mittlerweile ist klar, Rettungspakete sind für Banken und Investoren, Sparprogramme für die Bürger. Die Autoren David Stuckler und Sanja Basu haben analysiert, wie sich politische Entscheidungen während großer Krisen auf die Gesundheit der Bürger ausgewirkt haben.

Dabei haben sie statistische Daten zur Volksgesundheit während der Weltwirtschaftskrise der 30er Jahre, beim Zusammenbruch der Sowjetunion, während der Ostasienkrise in den 90er Jahren, bei der US-Finanzkrise 2007 und der anhaltenden Krise in Europa ausgewertet. Wer nun ein Buch mit endlosen Tabellen und Zahlenreihen erwartet irrt.

Auch Nichtstatistiker können den Überlegungen und Gedankengängen der Autoren mühelos folgen.

Helfen Sparprogramme in einer Krise?

Es werden die Ursachen von Krisen beleuchtet, doch das Augenmerk liegt auf den Reaktionen der politisch Verantwortlichen auf die Krisen.

Die Antwort der Autoren ist eindeutig, weil die Faktenlage keinen anderen Schluß zulässt. Sparprogramme helfen nicht, im Gegenteil, sie schaden. Sie schaden nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht, Ausgabenkürzungen im Sozialbereich (Gesundheit, Rente etc.) haben verherrende Auswirkungen auf den Gesundheitszustand der betroffenen Bürger eines Landes. Steigende Zahlen bei Selbstmorden, Herzinfarkten, Schlaganfällen und bei psychischen Erkrankungen etc. sind die Folge. Doch auch die Zahl nichttödlicher Erkrankungen erhöhte sich.

Bei der Analyse der Gesundheitsdaten der von Krisen betroffenen Länder wird ein roter Faden sichtbar, der wie ein Schatten zwischen den Buchzeilen hängt. An politischen Entscheidungen der Verantwortlichen die zu einer nicht zu leugnenden Verschlechterung der Gesundheit der Bürger führten, war immer der IWF und/oder Weltbank beteiligt. Wann immer sich ein Land in der Not an den IWF/Weltbank wandte, wurden Kredite nur gewährt, wenn Auflagen erfüllt werden.

– Kürzung von Staatsausgaben (Slogan: Schlanker Staat, Reduzierung der Sozialausgaben)
– Ziel einer niedrigen Inflation und einer Steigerung des Exports
– Liberalisierung des Bankenwesens
– Privatisierung von öffentlichen Einrichtungen (Sparkassen, Elektrizitätswerken, Wasserwerken, Telekommunikation)
– etc.

Mit diesen und vielen anderen Maßnahmen solle die Wirtschaft eines Landes in der Krise wieder schnell Fuß fassen. Auch das, quasi als „Abfallprodukt“ ihrer Analysen zur Volksgesundheit, entlarven die Autoren faktenreich als Mythos. Dabei entdeckten sie auch, das der IWF Daten manipuliert, um seine Thesen und die daraus abgeleiteten strengen Auflagen und Massnahmen zu stützen.

Der „Irrtum“ des IWF

Nicht erst seit dem Ausbruch der Krise 2007/2008 ist empirisch belegt, das Sparprogramme neoliberaler Prägung kontraproduktiv sind. Nicht umsonst gibt es unter Wirtschaftswissenschaftlern so manche Stimme, die behauptet, das führende Ökonomen des 20. Jahrhunderts eine erhebliche mittelbare Mitverantwortung weltweit am Tod von Millionen Menschen haben.

Doch auf welcher Datenbasis leitet der IWF seine Auflagen ab? Es gibt diese Datenbasis nicht. Auszug:

Wenn der IWF sich für ein Sparprogramm einsetzte, ohne über Daten zu den konkreten Auswirkungen von Haushaltskürzungen in den einzelnen Ressorts zu verfügen, wie konnte er dann wissen, welche Kürzungen den geringsten wirtschaftlichen Schaden anrichten und die Aussichten auf eine baldige Erholung maximieren würden?

In dieser Lage bedurfte es keiner theoretischen mathematischen Modelle, die auf nicht überprüfbaren Annahmen fussen, sondern eines realistischen, auf konkreten Daten beruhenden Ansatzes. Wir stellten die Schätung des IWF auf den Prüfstand, indem wir reale Daten unterschiedlichen Ressorts zuordeneten. Daduch konnten wir genau untersuchen, was Konjunktur- oder Spargrogramme in den wichtigsten Bereichen des Staatshaushales tatsächlich bewirken. Nach der Auswertung von Daten aus 25 europäischen Ländern, den USA und Japan über einen Zeitraum von zehn Jahren hinweg kamen wir zu dem Ergebnis, dass der IWF den Staatsausgabenmu.tiplikator zu niedrig angesetzt hatte. In Wirklichkeit betrug er für die Wirtschaft insgesamt 1,7 – ein Sparkurs hätte demnach also einen rezessionsfördernden Effekt.

Der IWF hatte jedoch nicht nur den durch Sparmaßnahmen entstehenden wirtschaftlichen Schaden unterschätz. Ihm war vor allem der noch größere Schaden entgangen, den Kürzungen im Gesundheitsbereich anrichten. In den Ressorts Gesundheit und Bildung fiel der Staatsausgabenmultiplikator am größten aus; er belief sich dort in der Regel auf mehr als 3. Für das Verteidigungsressort lag er dagegen deutlich unter 1, ähnlich niedrig wie bei Bankenrettungspaketen.

(Seite 90)

Staatsausgabenmultiplikator

(Anmerkung: ein Staatsausgabenmultiplikator > 1 ist ein Indikator für eine belebende Wirkung von der Volkswirtschaft, < 1 für eine rezessionsanfällige)

Der IWF ging und geht noch immer davon aus, das Staatsausgaben einen Staatsausgabenmultiplikator von 0,5 haben und damit „schädlich“ sind. Und das, obwohl der IWF eigene „Studien“ erstellt hat, die ebenfalls belegen, das Sparprogramme und deren Auswirkungen kontraproduktiv sind.

Das Buch ist flüssig, verständlich und für ein Sachbuch spannend geschrieben. Es könnte durchaus als Vorlage für eine Dokumentation oder einen Real-Thriller dienen.

Eine sich aufdrängende Frage beantworten die Autoren nur beiläufig. Wenn selbst der IWF weiß, das Sparprogramme schädlich sind, warum werden sie dann trotzdem durchgesetzt?

Die Beantwortung dieser Frage wäre Stoff für ein neues Buch. Es geht um Interessen, Druck zu Privatisierung und Aneignung von Volksvermögen.

Unsere Redaktion gibt 10 Empfehlungspunkte von max. 10. Wer mehr über die Hintergründe und Auswirkungen von Sparprogrammen wissen will, kommt an diesem Buch nicht vorbei.

Sanjay Basu , David Stuckler

Sparprogramme töten – Die Ökonomisierung der Gesundheit

224 Seiten. Gebunden mit Schutzumschlag mit vielen Grafiken
19,90 €
ISBN 978-3-8031-3649-7

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